Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Die Tür zum neuen Tag ist 1 Meter 20 hoch und 1 Meter breit. Davon stehen uns allerdings nur 40 Zentimeter in der Höhe zur Verfügung, um unser Bett im Kofferraum unserer Autos zu verlassen. Das Bett teilt den Kofferraum in der Höhe mittig, sodass unten Stauraum entstehet und oben geschlafen werden kann. Und für den Fall, dass man nachts aufs WC muss, gibt es keinen bequemeren Ausstieg.
Die Tür schützt nicht nur die Insassen des Fahrzeugs vor Kälte und Staub, sie markiert auch die Grenze zwischen zwei Welten. Die Welt draussen, das ist während unserer Rallye vor allem die Welt am Morgen und am Abend, also die Welt voller Unabwägbarkeiten. In der Welt drinnen sitzen wir tagsüber und fahren Kilometer um Kilometer. Und weil die alten Motoren unserer Autos mitfahren, ist leider auch die Welt drinnen nicht ganz frei von Unabwägbarkeiten.

Es ist 6 Uhr morgens an diesem Montag, 16. Mai 2016, und es ist ein durchschnittlicher Tag auf unserer Reise. Bei einem Auto spielt einer Gitarre und singt dazu. Einige trinken Kaffee, andere gehen noch etwas zaghaft. Wiederum andere schlafen noch. Glücklich darf sich nennen, wer nicht schon am Morgen Reparaturen an seinen Fahrzeugen ausführen muss.
Seit der Türkei treffen sich alle Rallye-Teams jeweils am Abend an einem zentralen Lagerplatz, der das Organisationkommitee der Allgäu-Orient Rallye zur Verfügung stellt. Die rund 74 Teams mit ihren rund 200 Autos bilden eine Zufallsnation, einen Kleinstaat, in dem es für fast jedes Problem eine Lösung gibt. Einige Teams haben ihren Lagerplatz für die Nacht bereits eingerichtet. Jene, denen die türkischen Verhältnisse weniger gut gesinnt waren, erreichen den Platz erst gegen Mitternacht. Vereinzelt entscheidet sich ein Team im Hotel zu übernachten und wird daher erst am nächsten Tag wieder den Schutz des Kleinstaats geniessen dürfen.
Wohl aufgrund der politischen Lage in der Türkei  (von deren Instabilität wir übrigens nichts wahrnehmen) bewacht die Polizei die Lagerplätze stets. Oft liegen diese inmitten einer Stadt oder eines Dorfes. Und oft kommt der Bürgermeister, gefolgt vom lokalen Fernsehen, vorbei und sucht den Kontakt mit uns.
In Gruppen sitzen die Teams vor ihren Autos zusammen, kochen, essen, lachen, trinken Bier, musizieren. Der Geruch von Grilladen vermischt sich mit jenem von Motorenöl und Benzin. Je näher die Rallye ihrem Ende entgegensteuert, desto mehr Autos quietschen, pfeifen oder werden ins Camp abgeschleppt.

Nach dem Morgenessen verwandeln sich unsere Fahrzeuge in Büros, in Wohnzimmer, in Saunas. Und oft alles zugleich. Vorne, im vordersten Auto, nehmen sich die Fahrer Zeit für die Navigation und erledigen administrative Aufgaben. Fotos sortieren, Videos abspeichern, Mails verschicken. Im zweiten Auto werden Blogs geschrieben. Das Dritte Auto ist unser Werkzeugauto. Es ist sofort zur Stelle, wenn Hilfe nötig ist.

Die Möglichkeiten zur Foto- und Videobearbeitung sind beschränkt, Internet nicht überall zugänglich. Daher können wir nicht jeden Tag Neuigkeiten veröffentlichen. Nach unserer Reise werden wir Videos und weitere Fotos aufschalten. Vom „Le Mans-Start“, von Offroad-Fahrten, von lustigen Erlebnissen, von Missgeschicken.

Pro Tag fahren wir rund 450 Kilometer und sind ca. 10 Stunden unterwegs. Während der Fahrt tanken wir unsere Autos, kaufen hie und da mal ein, müssen aufs WC. Wir halten am Strassenrand, um Fotos zu schiessen und Videos zu drehen. Fast täglich müssen wir Aufgaben erledigen, die uns die Rallye-Organisation stellt. Meist essen wir tagsüber Snacks und Früchte. Eher selten halten wir in einem Dorf und kaufen einen Dürüm.
Die Aussentemperatur beträgt 26 Grad. In zwei Autos funktioniert die Klimaanlage nicht. Einige unruhige Strassenbeläge lassen den Beifahrer kaum erholsam schlafen. Die Tage sind anstrengend und lang.

Wir wissen nicht, welche Route die anderen Teams fahren. Ab und an werden wir von anderen Teams überholt oder überholen selber welche. Es ist jeweils ein kurzer Moment der Vertrautheit, etwas Heimat in der Fremde. Man hupt und winkt sich zu und verschwindet dann wieder bis zum nächsten Mal.
Oft liegen wir nicht sehr gut im Zeitplan, wir verlieren viel Zeit. Des Türken Gemüt ist gelassen; wir übernehmen diese Einstellung – sind dann allerdings unzufrieden, wenn wir sie am Gegenüber entdecken. Einer möchte jetzt aufs WC. Der andere hat bald Hunger. Und der dritte möchte gerne einfach fahren.
Man spürt die Unruhe, die einen einen Moment lang erfasst. Vermeintliche Nebensächlichkeiten erweisen sich als die wahren Herausforderungen: Der Fahrstil des vorausfahrenden Fahrzeugs, weil er nicht flüssig ist; die „Befehlsausgaben“, weil sie überflüssig sind; das Geltungsbedürfnis, weil, wer ständig Anerkennung braucht, zu viel Platz einnimmt. Auch die mangelnde Leistung einzelner Mitglieder zugunsten des Teams und die Gleichgültigkeit gegenüber dem Wohl anderer stört.
Täglich sind wir 24 Stunden eng beieinander, 28 Tage lang. Klar, sind wir nicht immer gut gelaunt. Aber versuchen wir doch, dem anderen zu vertrauen, dass sie die Aufgabe genauso gut erledigten, wie wir es selber täten. Oft ist es nämlich so, dass, wenn man den anderen Freilauf lässt, sie einen mit kreativen Ideen überraschen. Sentimental ist die Bindung in unserem Team keineswegs. Aber so geht man nicht mit Kollegen um!

Wer müde ist, legt sich schlafen. Auf unser enges, aber bequemes Bett im Kofferraum. Denn der nächste Tag beginnt früh und wird sich wohl wiederum nicht an Pläne halten. Um ca. 00.30 Uhr schlafen alle aus unserem Team.
Um 6 Uhr erwacht das Camp zu neuem Leben, kriechen die Leute aus ihren Autos heraus. Die einen gehen noch etwas zaghaft, die anderen trinken eine Kaffee. Einer spielt Gitarre und singt dazu. Schöner kann man nicht geweckt werden.
Oft starten am Morgen alle Rallye-Teams gemeinsam. Wir werden von der Polizei eskortiert, alle sind Strassen gesperrt. Wir können die Stadt verkehrsfrei verlassen. Am Strassenrand stehen Menschenmassen, lachen uns an und winken uns zu. Die Rallye-Autos hupen in den engen Strassen, lassen ihre Sirenen ertönen und ihre Motoren aufheulen. Die von der türkischen Polizei angehaltenen Fahrzeuge hupen mit. Volksfestcharakter kommt auf.

Enge Platzverhältnisse beim Schlafen, heisse Temperaturen während dem Fahren, lange Tage, Meinungsverschiedenheiten. Das Erstaunliche daran ist, dass wohl jeder einzelne dennoch gerne dabei ist und sich auf den nächsten Tag freut. Eine der vielen Merkwürdigkeiten auf unserer Reise, die sich langsam dem Ende nähert.

Was wir sonst noch erlebt haben:

  • Während zwei Tagen waren wir zusammen mit einem anderen Team unterwegs. Dieses bestand noch aus einem Auto und drei Personen. Es war super Zeit!
  • Unser Lagerplatz befand sich in einer Stadt, die bekannt für ihre Höhlenwohnungen (Feenkamine) und Höhlenkirchen ist. Wir haben uns diese angeschaut. Eindrücklich und malerisch. Genannte Stadt heisst übrigens Ürgüp und liegt ziemlich zentral in der Türkei.
Share This