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Auf der Fahrt durch Georgien, das Land, das erst im Jahr 1991 die Wiedererlangung der Unabhängigkeit von der Sowjetunion erreichte, also vor 25 Jahren, bleibt unser Blick häufig hängen. In der Stadt Batumi, einer für georgische Verhältnisse touristische Stadt direkt an der Schwarzmeerküste stehen Wohnblocks, die wir so nicht erwartet hätten. Strassenabschnitte mitten in der Stadt sind beinahe unpassierbar.

Laut einer Aussage einer österreichischen Frau, die seit fünf Jahren als Attachée für die EU in Georgien arbeitet und mit der wir geredet haben, denken viele Georgier nationalsozialistisch und achten Minderheiten wenig. Doch wir sind nicht hier, um die politische Einstellung der Einwohner zu be- oder gar verurteilen, sondern um die „eingefrorene Zeit“ seit der Unabhängigkeit zu erkunden. Und da erhebt zunächst einmal, mit der Üppigkeit staatlicher Macht, die «Kreatur des gefürchteten Staats», ihr mächtiges Haupt. Die nicht nachvollziehbare Bürokratie sozialistischer Prägung verlangt, lediglich der Halter des Fahrzeugs dürfe sich beim Passieren der Grenze im Auto befinden. Alle anderen Personen müssen die Grenze zu Fuss überqueren. Doch geben wir der Vorfreude eine Chance.

Georgien zeigt sich bei unserer Ankunft regnerisch und trist. Die Luft ist warm, der Verkehr lässt die Grenze fast kollabieren. Die Häuser stehen verlottert da, als wären sie unbewohnt und verlassen. Kühe schlendern der Strasse entlang, fressen Gras, queren die Strasse, scheren sich nicht um den Verkehr. Selbst die heruntergekommene Szenerie auf dem Weg zu unserem Nachtlager in die Stadt Batumi lässt unsere Stimmung nicht trüben. Schliesslich ist auch die Fahrt durch Schlieren teilweise nicht gerade von Ästhetik gesäumt.

Und dennoch, so haben wir uns das nicht vorgestellt: Unser Schlafplatz in Batumi liegt inmitten heruntergekommener Wohnblöcke, direkt neben der Strasse. Einige streunende Hunde sind auszumachen. Und da steht es auch schon leibhaftig vor uns, das „richtige Georgien“: Kinder und junge Erwachsene, mit groben Gesichtszügen und wenig Feuer in den Augen. Wir sind unsicher. Betteln sie? Sind sie kriminell? Oder sind sie einfach nur neugierig und suchen den Kontakt mit uns?

Umgerechnet 250 Euro im Monat verdient der Georgier. Seit der Abkehr von der Sowjetunion, versucht sich, wer kann, möglichst gut über Wasser zu halten. Der Mehrheit geht es wohl nicht besser als noch zu sozialistischen Zeiten. Als erstrebenswert scheint der Polizeiberuf zu sein. Wir sehen so viele Polizeiautos, wie wir noch nirgends sonst gesehen haben. Was ihre Aufgabe ist, hat sich uns nicht erschlossen. Geschwindigkeitskontrollen oder Durchsetzung der Verkehrsregeln können es nicht sein: Überholt wird links und rechts, ob es Platz hat, oder nicht. Blinken ist überflüssig. Angehalten wird dort, wo es für den Fahrer am optimalsten scheint. Wir fahren mit Drehlicht und lassen unsere Sirenen ertönen. Die Polizisten winken uns zu und fahren uns hinterher.

Keine Frage: Das Land fasziniert insbesondere mich. In Tiflis, der Hauptstadt, leben rund 1.5 Millionen Menschen, im Rest des Landes, das ca. 1.5 mal grösser ist als die Schweiz, 1.7 Millionen. Im Zentrum von Tiflis fühlt man sich wie in anderen europäischen Grossstädten. Doch abgesehen von den wohl auch von der europäischen Union unternommenen Anstrengungen um die Hauptstadt herrscht ein einfaches Leben. Der Blick durch die Fenster während der Fahrt durch andere Städte erinnert teilweise an die zerbombten Städte Deutschlands. Gebäude und Statuen an bester Lage als Zeugen von sowjetischem Grossmut und Machtanspruch, mittlerweile verlassen und zerfallen. Die Ruinen entwickeln sich zum gespenstischen Mahnmal einer vergangenen Epoche. Die Fahrt über Land erinnert an Bilder, die wir vom russischen Hinterland oder allenfalls von Kuba kennen. Vereinzelte Häuser, inmitten üppiger Vegetation, davor Hühner und Schweine, die im Dreck nach Essbarem suchen. Menschen, die Wasser und Früchte am Strassenrand feilbieten. Eine Infrastruktur, die an längst vergessen geglaubte Zeiten erinnert.

Georgien war für mich vor dieser Reise wenig bekannt. Noch immer weiss ich wenig über dieses Land, über das Bildungs- und Gesundheitswesen, über die Wirtschaftsleistung und die Kriminalität. Vielleicht ist es genau dies, was mich so fasziniert: Das Unbekannte, das Erbe der Sowjetzeit und die Anstrengungen der Bevölkerung für ein besseres Leben als in den Trümmern eines Traumes, der vor einem viertel Jahrhundert Wirklichkeit zu werden versprach.

Was wir sonst noch erlebt haben:

  • Nach Absprache mit anderen Rallye-Teams haben wir auf genanntem Platz, inmitten verlotterter Wohnblocks, geschlafen.
  • Zum Nachtessen gab es Raclette – mit türkischem „Raclettekäse“. Es war ein toller Abend. Wir schreiben darüber zu einem späteren Zeitpunkt.
  • Nach einem Halt unterwegs gerieten wir uns untereinander in die Haare. Wir sprachen uns aus. Die Sache ist abgeschlossen. Ein kleiner Zwist gehört dazu.
  • In Tiflis pflanzten wir unsere letzten Rosen. Alle Rallyeteilnehmer brachten Rosenstöcke mit. Damit legten wir symbolisch einen Rosengarten für den Frieden an. Ein Rosengarten am Start in Oberstaufen, einer in Istanbul und einer in Tiflis.
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